Künstlerstatements

Werkgruppe „Poesie der Laufmasche“

Diese Materialbilder sind Kompositionen, die sich nicht auf Gesehenes beziehen. Somit sind sie gegenstandslos, obwohl sie aus Gegenständen, nämlich Nylonstrümpfen, hergestellt sind. Mit diesem Gebrauchsgegenstand assoziiert man leicht Erotik, Verletzlichkeit und Vergänglichkeit, jedoch ist meine Intention keineswegs die Konnotationen dieses Materials zum Ausdruck zu nutzen. Mein Interesse gilt vielmehr dem Material als solches, seinen physischen Effekten, insbesondere den Eigenschaften Transparenz und Elastizität und dem Phänomen der Laufmasche im Hinblick auf grafische, malerische Qualitäten.

Werkgruppe „Symbiosis"

Gefundene Objekte aus der Natur kombiniert mit solchen aus der Kultur, der Industrie, ergeben ein symbiotisches System. Zentrales Motiv dieser Arbeiten sind die Kontraste von Materialien, Farben und Formen, die Konfrontationen des wild-wuchernd Natürlichen mit dem berechenbar Geometrischen. Eine Dualität, die durch den Dialog der verwendeten Materialien untereinander, wie auch aus der Spannung der Materialien mit ihren kulturellen Assoziationen erkennbar wird.




Katalogtext

Katja Behrens

Gespannte Verhältnisse

Instinktiv, spontan, sinnlich auf der einen, rational, intellektuell und konzeptuell auf der anderen Seite. Die Kunst von Gerrit Groteloh stellt verschiedene Materialien in einen Dialog, der sich um deren je eigenen Qualitäten dreht, der sich mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung wendet. Ein Dialog, der unvorhersehbar ist wie das künstlerische Arbeiten selbst.

Die Materialbilder der Werkgruppe Poesie der Laufmasche sind sowohl bild- als auch objekthafte Kompositionen aus Nylonstrümpfen: übereinander gelagert, gespannt, zerschnitten oder zerrissen.

Das Material ist oft erst auf den zweiten Blick identifizierbar; denn, obschon die Bildobjekte von diesen konkreten Gegenständen ausgehen, aus ihnen bestehen, sind sie gegenstandslos: sie möchten nichts abbilden und beziehen sich nicht auf etwas Gegenständliches. Die ehemaligen Strümpfe sind lediglich Material. Die Assoziationen, die sie hervorrufen lassen sich freilich kaum unterdrücken: Luxus, Eleganz, Erotik, Verletzlichkeit, Vergänglichkeit, auch Zerstörung, Gewalt und Aggression.

Diese Konnotationen des Materials zu benutzen ist aber keineswegs die Intention des Künstlers. Vielmehr geht es ihm darum, die Assoziationen zum Frauenbein zu unterdrücken und das Material selbst, seine körperlichen und anschaulichen Effekte zu untersuchen. Eigenschaften wie Transparenz, Elastizität und das Phänomen der Laufmasche im Hinblick auf grafische, malerische Qualitäten sind es, die ihn berühren und beschäftigen.

Die Fragilität des Materials erfordert dabei eine gewisse Spontaneität bei der Arbeit. Manches ist geplant, vieles ist nicht vorhersehbar. Es entstehen Objekte, deren Kompositionen sich aus vielen übereinander gelagerten Schichten entwickeln. Unter den Bildern von Gerrit Groteloh liegen immer mehrere Bilder verborgen. Bildfindungen entwickeln sich in direkter Reaktion auf das Material, entstehen aus teils zufälligen, teils gelenkten Zerstörungen des Strickmusters.

Dem Prinzip des gelenkten Zufalls wird so eine wesentliche Beteiligung am Entstehungsprozess der Nylonobjekte eingeräumt. In die eine oder die andere Richtung gedehnt, auseinander gezogen, voreinander gelegt, zerschnitten und zerrissen: die verschieden farbigen und verschieden starken Nylongestricke reagieren je unterschiedlich, fordern eine je andere Herangehensweise und schaffen je neue anschauliche Phänomene. Sie verdichten sich zu dunklen, abgründigen Höhlen oder spannen sich in leichten, lichten Schleiern umeinander. Sie werden sehr lang gezogen oder zu dichten Schichten gelegt. Die Spuren ihres Entstehens bleiben immer sichtbar. Oft reißen sie, verlieren die angestrebte Form, sind widerspenstig. Eindeutig: Das Material führt ein Eigenleben.

Doch das reagierende Arbeiten erlaubt auch, zu immer wieder neuen sinnlichen Erfahrungen zu kommen, die dem primär subjektiven Künstlerausdruck ein objektives, eben nicht gänzlich kontrollierbares Moment zur Seite stellen. Der Zufall wird als produktives kreatives Moment anverwandelt und eröffnet damit die Chance, das Potential des Unvorhersehbaren, des Unbeherrschbaren auszuschöpfen.

Und so öffnen sich die Objekte in einen ambivalenten, immer wieder ungreifbaren Raum. Reflektionen und Licht suggerieren Bewegung, verändern das Wahrgenommene, verunklären den eigenen Standpunkt – und mit ihm die eigenen Sicherheiten. Die innerbildliche Dramatik wird durch die changierenden Vorder- und Hintergründe, die umspringenden Negativ- und Positivformen, durch Licht und Schatten geformt und gesteigert.

Diaphan und zugleich dicht, leicht und stark lädt das Material fast dazu ein, berührt zu werden. Und zwar wegen der ihm eigenen haptischen Qualitäten. Das vielleicht ist das anspruchsvollste Ereignis und Ergebnis dieser Kunst: dass sie die nahe liegenden Assoziationen zu unterdrücken vermag und stattdessen, Drama und Lyrik der Laufmasche zu einer eigenen Erzählung verwebt, dass sie den Betrachter bestrickt.

Symbiosis

Auch in der Serie Symbiosis ist das Material nicht allein Gestaltungselement, vielmehr werden die besonderen Charakteristika von Materie und Form zum eigentlichen Inhalt des Werkes.

Gerrit Groteloh verwendet Fundstücke als Ausgangsmaterial. Das können z. B. Äste, Steine oder Wurzeln sein, die in ihrer natürlichen Gestalt belassen werden, denen dann jedoch durch Hinzufügen oder Verhüllen gewissermaßen eine Sprache verliehen wird.

Durch die Konfrontation mit luxuriösen Zivilisationsmaterialien wie Samt und Seide werden die urwüchsigen Fundobjekte in ihrer materialen Struktur bestätigt und betont. Das Steinerne des Steins, seine Härte, seine Sprödigkeit, die Risse und Schründe seiner Oberfläche kommen im Dialog mit der Weichheit und Nachgiebigkeit des Samtes in seinen Ritzen erst wirklich zur Geltung (Okklusion, 1994). Durch den künstlerischen Eingriff wird das Material, das Steinerne des Steins, zu sich selbst gebracht.

Nicht nur die Steigerung der Wahrnehmung von Materialeigenschaften und strukturellen Charakteristika, ist das Anliegen, vielmehr wird auch der künstlerische Eingriff selbst, das Formende der Künstlerhand zu Thema. Die Ölbaumwurzel, der eine goldene Kugel eingeschrieben wurde, zeigt diesen Verhalt besonders deutlich (Cresca, 1998). Das Wurzelwerk scheint um diese nahezu perfekt geometrische Form herum gewachsen zu sein. Es sind die Kontraste von Materialien, Farben und Formen, die Konfrontationen des wild-wuchernd Natürlichen mit dem berechenbar Geometrischen, die ein zentrales Motiv dieser Arbeiten darstellen.

Der Künstler ist der Schöpfer eines Gebildes, das den strengen Gesetzen der Mathematik ebenso verpflichtet ist, wie es dem chaotischen Wirken der Natur ausgeliefert scheint. Alles ist Kunst und doch ist elementares Naturwirken in den Prozess der Kunstwerdung mit einbezogen.

Das Lebendige des natürlich Gewachsenen und die euklidische Form sind hier kombiniert, „nicht um ein utopisches Modell für eine Harmonie von Natur und Technik zu entwerfen, sondern um die spezielle Qualität des Individuellen abzugrenzen vom Universellen der Geometrie“, wie der Künstler formuliert.

Allerdings, es geht auch anders, wie die neueren Arbeiten (Stella, 2008, u. Flechte, 2009) zeigen: Wären die Holzfundstücke nicht schon sichtlich tot, die künstlerischen Eingriffe, die Bandschlingen hätten sie bestimmt stranguliert und ihnen dabei doch gleichzeitig auch ein neues Leben geschenkt, nämlich als Kunstwerk, aufbewahrt und aufgebahrt, zu- und hergerichtet, ein Bild, schön und erschreckend zugleich.

Gerrit Grotelohs Objekte betonen die spezifischen Charakteristika der Struktur eines Materials und seiner anschaulichen Wirkungen, doch letztlich entzieht sich immer ein kleiner Rest der künstlerischen Kontrolle. Anschauliche Phänomene lassen sich nicht vollständig berechnen und planen, und gerade das zeigt seine Kunst.




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Studien

1989 - 1994

Accademia di Belle Arti „Pietro Vannucci“, Perugia, Italien
bei den Profes. Edgardo Abbozzo und Bruno Corà


2008

Artist-in-Residence, Lofsdals Gård, Pargas-Parainen, Finnland




Publikationen

2015    Gangwon Environmental Installation Art Invitational Artists Exhibition, Baekrak Temple, Gangwon-do, Südkorea

2014    Gangwon Environmental Installation Art Invitational Artists Exhibition, Baekrak Temple, Gangwon-do, Südkorea

2013    Gerrit Groteloh, Gespannte Verhältnisse

2011    Kunst bildet, bildet Kunst!, Caesar, Bonn; Initiative Building Bildung

2011    17. Natur - Mensch, St. Andreasberg

2010    Kunst unterwegs; Kulturwerk Rahlstedt, Hamburg

1998    Gerrit Groteloh, Scultura!

1994    Arte & Natura

1992    Varianti Plastiche, Galleria Moretti, Deruta, Italien




Ausstellungen

2015

Gangwon Environmental Installation Art Invitational Exhibition, Baekraksa, Gangwon-do, Südkorea


2014

Gangwon Environmental Installation Art Invitational Exhibition, Baekraksa, Gangwon-do, Südkorea


2013

Gespannte Verhältnisse, Quartier Feine Künste, Lübeck


2011

Galerie foyer d'art, Hamburg
Kunst bildet – bildet Kunst!, Forschungszentrum Caesar, Bonn
Natur - Mensch, Nationalpark Harz, St. Andreasberg
Gruppe Ohlendorffturm, Torhaus Wellingsbüttel, Hamburg
Gruppe Ohlendorffturm, Galerie am Rathaus, Norderstedt


2010

Skulpturen Salon, Rathaus, Münster

Kunst unterwegs, Hamburger Sparkasse, Hamburg-Rahlstedt

2009

Geschmack des Unsichtbaren, Rathaus Galerie, Rellingen
Kunst im Turm, Stadtkirche, Wunstorf


2008

Pas de Deux, Gamla Kommunalstuga, Pargas-Parainen, Finnland
Gruppe Ohlendorffturm, Parkresidenz, Hamburg
Liquid Art & Design, Düsseldorf
"2", Marler Kunststern, Marl


2007

Verborgene Schätze, Künstlerhaus Ohlendorffturm, Hamburg
Poesie der Laufmasche, Alpha Eins, Hamburg


2002

Werkschau, Galerie 'et, Kunstverein Versmold


1999

The Park of the Future, Westergasfabriek, Amsterdam


1998

Scultura!, Pixel-Film, Hamburg
Lustschau, Fundbureau, Hamburg


1996

Galerie Mokkenburg, Groningen, Niederlande
Alpha Eins, Hamburg
Gnadenlos/Besinnlich, Galerie Curare, Hamburg
Xmas, Roosen 32, Hamburg


1995

Licht An!, Galerie Curare, Hamburg


1994

Personale, L'Atelier, Perugia, Italien
Arte & Natura, Tiber Park, Perugia, Italien
Urvinum Hortense, Collemancio, Italien


1992

Laboratorio, Fossato di Vico, Italien
Lavori Recenti, Galleria Kandinsky, Perugia, Italien
Arte & Natura, Parco Tevere, Perugia, Italien
Varianti Plastiche, Galleria Moretti, Deruta, Italien


1991

Profondità Superficiale, Accademia, Perugia, Italien

Impressum

Gerrit Groteloh
Künstlerhaus Ohlendorffturm
Am Ohlendorffturm 36
22149 Hamburg


+49 163 7353 093

art@gerritgroteloh.de
www.gerritgroteloh.de


USt.-ID: DE245788560




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